SZ 13.12.2025
15:59 Uhr

(+) Grünen-Parteitag: „Rotzfrech ins Gesicht gelogen“ – Özdemir verschärft den Ton


Angesichts mauer Umfragewerte sinken die Chancen für Cem Özdemir, Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann zu beerben. Wie die Grünen die Stimmung bis zur Landtagswahl im März noch drehen wollen.

(+) Grünen-Parteitag: „Rotzfrech ins Gesicht gelogen“ – Özdemir verschärft den Ton
Cem Özdemir war zuletzt Landwirtschaftsminister in der Ampelregierung unter Kanzler Olaf Scholz. (Foto: Bernd Weißbrod/dpa)

„Sie kennen mich“ – mit diesem zentralen Satz im Fernsehduell hat die damalige Kanzlerin Angela Merkel womöglich die Bundestagswahl 2013 gewonnen. Der Satz sollte den Wählerinnen und Wählern Verlässlichkeit und Kontinuität signalisieren. „Sie kennen mich“ – diesen Slogan übernahm Baden-Württembergs Grünen-Ministerpräsident Winfried Kretschmann im Landtagswahlkampf 2021 ganz ungeniert, er druckte ihn sogar auf die Wahlplakate. Die Partei kam auf 32,6 Prozent der Stimmen, es war das bislang beste Ergebnis des erfolgreichsten grünen Landesverbands. Dieser Erfolg hatte zwei Hauptkomponenten: die Fokussierung des Wahlkampfs auf die Person Kretschmann und thematisch aufs Klima, das im Zentrum der Debatten stand.

Bei der Landtagswahl am 8. März 2026 will der frühere Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir für die Grünen das Ministerpräsidentenamt verteidigen. Aber vor dem Landesparteitag am Wochenende in Ludwigsburg fragten sich viele Parteifreunde besorgt: Wie, bitte schön, soll das funktionieren? Denn die Umfragen sehen die CDU mit 29 Prozent klar vorn und inzwischen sogar die AfD (21 Prozent) leicht vor den Grünen (20 Prozent). Das Klimathema ist auf der politischen Agenda weit nach hinten gerückt, der Partei hängt die Zeit in der Berliner Ampelregierung nach, und der populäre Kretschmann tritt nicht mehr an.

Eine erste Antwort auf die Frage, wie Özdemir das noch drehen will, erhalten die Delegierten schon auf dem Weg zum Forum am Schlosspark in Ludwigsburg. Vor der Parteitagshalle steht ein riesiges Plakat. Özdemir ist darauf abgebildet und dahinter, leicht versetzt, Kretschmann. Auf dem Plakat steht: „Sie kennen ihn.“

Wer Kontinuität will, muss Özdemir wählen. Das ist auch die zentrale Botschaft, die Kretschmann in seine Rede packt. Der scheidende Ministerpräsident versucht, seiner Partei Mut zu machen. Von den Umfragen, sagt er, dürfe man sich „nicht kirre“ machen lassen. Er erinnert an den Dezember 2015. Da sei der Abstand zur CDU mit zwölf Prozentpunkten sogar noch deutlich größer gewesen als heute, trotzdem habe man am Wahltag, im März 2016, vorn gelegen.

Noch wichtiger als der Blick zurück ist aus Sicht grüner Strategen aber etwas anders: Kretschmanns Bereitschaft, für Özdemir in den Wahlkampf zu ziehen. Einen Amtswechsel während der Legislaturperiode haben die Grünen verstolpert, weshalb Özdemir nun ohne die Gravitas des Ministerpräsidentenamtes in den Wahlkampf ziehen muss. Den Stabwechsel versuchen die Grünen deshalb visuell zu inszenieren, auf Wahlplakaten, mit gemeinsamen Auftritten, der klaren Wahlempfehlung von Kretschmann, dass sein Erbe bei Özdemir in den besten Händen sei.

Es ist der erste Baustein für die Mission, den Stuttgarter Regierungssitz für die Grünen zu verteidigen. Nicht wenige halten das allerdings für eine Mission Impossible, ein zum Scheitern verurteiltes Vorhaben.

Doch gegen diesen Eindruck redet der Kandidat am Samstag eine gute Stunde lang an. „Gemeinsam packen wir das“, ruft Özdemir, dunkler Anzug, kratzige Stimme, den Delegierten zu. Die Grünen in Baden-Württemberg seien immer „ein bisschen anders als im Rest der Republik“ gewesen, näher an den Menschen, näher an pragmatischen Lösungen.

Die Distanzierung von der Bundespartei hat schon der Superrealo Kretschmann zu einer eigenen Disziplin erhoben, nun ist sie auch ein zentraler Baustein in Özdemirs Strategie.

Doch er geht in seiner Rede nicht nur auf Abstand zu den Berliner Grünen. Er kritisiert vor allem die CDU in einer Schärfe, die neu ist in diesem Wahlkampf. Friedrich Merz habe im Bundestagswahlkampf versprochen, keine neuen Schulden zu machen, um dann als Kanzler das Gegenteil zu tun, sagt Özdemir nun. „CDU und CSU haben der Bevölkerung damals rotzfrech ins Gesicht gelogen!“ Auch in Baden-Württemberg verfahre die CDU „nach der Methode Merz“, er, Özdemir, verspreche dagegen nur Dinge, die er auch halten könne. „Ich bin kein Schönwetterpolitiker.“

Der Versuch, ein Duell mit der CDU herbeizureden, es ist der dritte Baustein der grünen Strategie. In der Vorwoche, auf dem CDU-Parteitag, erwähnte deren Spitzenkandidat Manuel Hagel die Grünen dagegen erst gar nicht. Er stellte vielmehr den Kampf gegen die AfD ins Zentrum seiner Rede. Das spiegelt natürlich die Umfragen wider, darf aber auch als ein Manöver gewertet werden, Özdemirs Chancen kleinzureden.

In den Stuttgarter Parteizentralen gilt der Bundestrend als der wichtigste Faktor für den Ausgang der Landtagswahl, daneben werden ein bis zwei Landesthemen und die Person des Spitzenkandidaten als zentral für das Abstimmungsverhalten eingestuft. Aus Berlin erhoffen sich weder CDU noch Grüne Rückenwind, das wichtigste landespolitische Thema im Heimatland von Daimler und Bosch ist die Krise der Automobilindustrie. Özdemir sucht deshalb die Nähe zu den Unternehmern und Belegschaften, Gastredner auf dem Parteitag ist der Gesamtbetriebsratschef von Daimler Truck, Michael Brecht. Wirtschaft gilt trotzdem nicht unbedingt als das Politikfeld, das die Grünen noch auf die Überholspur bringt.

Deshalb heißt der wichtigste Baustein für die erhoffte Aufholjagd: Cem Özdemir. In der Endphase des Wahlkampfs, so das Kalkül, sollen die Bekanntheit und die politische Erfahrung des Kandidaten die Stimmung noch drehen. Laut Umfragen würde er eine Direktwahl des Ministerpräsidenten gegen den jungen und weithin unbekannten CDU-Kandidaten Hagel klar gewinnen. Deshalb wird auf jedem grünen Wahlplakat ein Zusatz stehen: „Zweitstimme Özdemir. Er kann es.“

Die Personalisierung war schon 2021 ein prägendes Merkmal des Wahlkampfs der Grünen, damals stand Kretschmanns Name auf jedem Wahlplakat. Für eine Partei, die zu ihrer Anfangszeit ihr Führungspersonal nach wenigen Jahren wegrotiert hat und die sich noch immer als Programmpartei versteht, war das ein großer Schritt. Nun treibt der Landesverband die Personalisierung weiter voran. Zum Parteiprogramm durfte der Spitzenkandidat, auch das ein Novum, sogar ein Vorwort beisteuern. Die ersten beiden Sätze lauten: „Mein Name ist Cem Özdemir. Sie kennen mich.“

Graues Wasser mit dunkelgrauem Himmel, traurige Bahnhöfe, von denen aus es ins traurige Berlin geht: Erbaulich ist der Film „Jetzt. Wohin.“ über Robert Habecks Wahlkampf nicht gerade. Beantwortet er wenigstens die wichtigste Frage?

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